Der Niedriglohnsektor wächst durch Minijobs

"Die Zahl der Geringverdiener in Deutschland wächst. Jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte erhielt im Jahr 2006 weniger als 9,61 Euro in West- beziehungsweise 6,81 Euro in Ostdeutschland. Fünf Jahre zuvor war es noch jeder sechste gewesen, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus Nürnberg herausgefunden hat. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ).

Die Forscher aus Essen haben auch Teilzeitkräfte und Minijobber untersucht. Heraus kam, dass der Niedriglohnanteil unter den Beschäftigen innerhalb von elf Jahren (1995 bis 2006) um 7 Punkte auf 22 Prozent kletterte. Im internationalen Vergleich liege Deutschland mittlerweile auf Rang zwei hinter den Vereinigten Staaten (25 Prozent) und vor Großbritannien (21,7), den Niederlanden (17,6), Frankreich (11,1) und Dänemark (8,5)." (FAZ vom 19. April)

Was ist Niedriglohn?

Von Niedriglohn spricht man, wenn der Verdienst unter 66,7 Prozent des durchschnittlichen Stundenlohns liegt. Betroffen davon sind vor allem Geringqualifizierte, Ausländer, Frauen und Jüngere - soweit war das bekannt.

Die wachsende Bedeutung der Minijobs

Dass aber für den Niedriglohnsektor die Minijobs eine immer größere Rolle spielen, brachte erst die Studie des IAQ ans Licht. Zum Vergleich:

Unter Vollbeschäftigten nahm die Niedriglohnbeschäftigung um 12,6 Prozent zu. Unter Minijobbern nahm sie im selben Zeitraum um mehr als 180 Prozent zu. Die Zahl der Minijobber stieg laut BA von  2003 bis 2007 um 1,2 Millionen auf knapp 6,9 Millionen Menschen.

Durch Minijob in die Vollbeschäftigung? Fehlanzeige.

Minijobs taugen nicht als Sprungbrett in den 1. Arbeitsmarkt. Und was sie im Kampf gegen die Schwarzarbeit leisten, ist zumindest unklar. Für mich war folgendes auch neu: angeblich soll es kein Land außer Deutschland geben, wo ein Vollzeitbeschäftigter über einen (zusätzlichen) Minijob zu einem abgabenfreien Nebenverdienst kommen kann.
Spricht da etwas dagegen? Zumindest war das nicht die genannte Zielrichtung der Einrichtung der Minijobs, wie sie heute sind. Was dazu kommt: Vor ein paar Wochen ging die Meldung durch die Presse, dass sogar Staatsdiener Hartz 4 beantragen müssen. Heute lese ich in der Lokalzeitung, dass tausende Polizisten einen Nebenjob (meist als Minijob) machen müssen, um über die Runden zu kommen.

Ich sage nicht gleich, das ist eine Katastrophe! Aber man sollte sich das mal vorstellen: Da treffe ich den Lehrer meiner Tochter auf der ARGE und der junge Polizeibeamte trägt morgens Zeitungen aus, bevor er im Dienst Verkehrskontrollen macht. Oder er macht am Wochenende Türsteher in der Disco. ... Das gewohnte Bild von der Ordnung in unserer Gesellschaft bekommt dabei einen Knacks.

Das Problem sollen nach Einschätzung des IAB nicht die Minijobs an sich sein, sondern die nicht gerade guten Aufstiegschancen für die, die in ihnen arbeiten.

Anders sieht das Wolfgang Franz, Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung, gegenüber der F.A.Z.: „Mir ist es lieber, der Staat zahlt Menschen mit niedriger Arbeitsproduktivität einen Zuschuss, als dass sie in der Arbeitslosigkeit verharren“. - Eine wenig überraschende Aussage.